Geschlossene Gesellschaft

Mit großem Interesse folgen wir der sommerlichen Klassik-Festivalszene in verschiedenen Ländern. Wir besuchen Aufführungen, lesen, und lesen wieder: Kritiken, Besprechungen und Bewertungen, Interviews mit KünstlerInnen und Intendanten. Und wir hören zu: Berichten und Diskussionen von Aufführenden und Publikum – aufmerksam und mit großer Neugierde.

 

Es scheint sie doch noch zu geben, die Menschen, die bereit sind, viel Geld für einen Abend mit klassischer Musik auszugeben.

 

Aber wo bleiben die kritischen Stimmen, wenn es um die Ökonomie von (Festival-)Veranstaltungszentren geht? Und warum gibt es nicht mehr davon? Gibt es wirklich keine Möglichkeit, eine große Symphonie mit bester Besetzung auch mit der größeren Öffentlichkeit zu teilen als nur über furchtbar komprimierte Klangqualität via Fernseh- oder Computerbildschirm?

 

Es ist schön, wenn berühmte Orchester und SolistInnen (sehr) selten kostenlose Konzerte auf der Wiese geben oder Leinwände im Freien aufgestellt werden. Sobald es jedoch regnet und die Toilettencontainer verdreckt sind, merkt der Mensch mit Durchschnittseinkommen, dass er/sie trotzdem ganz offensichtlich nicht die wichtigste Zielgruppe ist.

 

Großsponsoren wie Leitungspersonal klopfen sich derweil selbst auf die Schulter und bemühen in Gesprächen ihre akquirierte, kultivierte Bescheidenheit.

 

Wollen Menschen deshalb klassische MusikerInnen sein?

 

Um hermetische Christbaumkugeln für die Reichen der Welt zu werden? Um sich in einem Ausmaß zu spezialisieren und das “Spiel zu spielen” (spielen zu müssen), sodass sich die Tür zu kategorischer Originalität und altmodischer Größe zunehmend schließt? Braucht die Welt wirklich solche KünstlerInnen?

 

Wir sollten wieder darüber nachdenken, welche Legitimation die klassische Musikform hat und wie sie weiterleben kann und soll. Warum sie so absurd elitär geworden ist, und zwar so elitär, dass man auch unter KünstlerInnen immer mehr Menschen findet, die außerhalb Ihres engen Freundes-/SchülerInnen-/Bewunderer-Zirkels der Welt mit Argwohn und Urteil begegnen.

 

Natürlich sind kulturelle Institutionen untersubventioniert. Vor allem die mittelgroßen. Und warum soll Herr/Frau SteuerzahlerIn auch mehr zahlen, wenn er/sie sich entweder im Programm oder in der Leistbarkeit nicht wiederfinden kann?

 

Natürlich wird auch auf Seiten der lehrenden Institutionen (trotz aller gegensätzlichen Beteuerungen) entsetzlicher Kultursnobismus betrieben. Wiener Tradition? Russische Schule?Wir sind Künstler und bleiben unter uns? Wo bleibt da Unterstützung für die ungezwungene Unmittelbarkeit einer großartigen Darbietung oder originellen Komposition?

 

Wo bleibt das private Geld in manchen europäischen Ländern (das nach wie vor auch in der Kultur hauptsächlich für sich selbst ausgegeben wird)? Und wo bleibt die echte Initiative der Politik? (Kultur als Abgrenzung einzusetzen gilt nicht als Initiative.)

 

Große Kunst steht heute für Luxus, aber sie stand auch einmal für die freie Nutzung des Verstandes. Das ist es, was die Welt wieder gut brauchen könnte.

Und dazu braucht es viel mehr mutige Köpfe.

Ja, und auch Geld.